Christiane Engelhardt
Die Liebe bleibt.

Christiane Engelhardt, Ärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Künstlerin, hat den Verlust ihrer Tochter Hanna durch Suizid erlebt.

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Die Liebe bleibt.

Der Verlust eines geliebten Menschen durch Suizid ist eine Erfahrung, die schwer in Worte zu fassen ist. Dr. Christiane Engelhardt, Künstlerin, Autorin und Ärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, hat diesen Weg durchlebt, nachdem ihre Tochter Hanna sich das Leben nahm. Sie hat ihre Trauer und ihren Schmerz in ein Buch gefasst, das anderen Betroffenen Trost und Hoffnung schenken soll.

Im Interview mit Regina Seibl, Projektmitarbeiterin für Suizidprävention und -postvention, spricht Engelhardt offen über ihre eigene Trauerreise, den Umgang mit ihrem Verlust und darüber, wie sie anderen Betroffenen helfen möchte, ihren eigenen Weg der Heilung zu finden.
 
Regina Seibl: Frau Engelhardt, vielen Dank, dass Sie heute mit uns über dieses wichtige und schwierige Thema sprechen. Sie haben ein Buch über den Suizid Ihrer Tochter Hannah veröffentlicht. Wie kamen Sie dazu, dieses Buch zu schreiben, und was bedeutet es Ihnen?
 
Christiane Engelhardt: Ich habe das Buch geschrieben, um meiner Tochter etwas Bleibendes zu widmen. Sie war ein außergewöhnliches Kind, und sie hat wunderschöne Gedichte geschrieben. Durch ihr Buch wollte ich zeigen, wie wertvoll ihr kurzes Leben war und anderen Mut machen, die Ähnliches durchleben. Auch für Fachleute, die mit Suizidalen arbeiten, wollte ich eine Orientierung und Unterstützung geben. Suizid ist oft noch ein Tabuthema, aber ich glaube, dass wir alle eine Lebensaufgabe haben. Hannas Tod hat meine eigene Lebensaufgabe völlig verändert.
 
Regina Seibl: Es ist sicher kein einfacher Weg. Wie haben Sie diesen Verlust in den ersten Jahren verarbeitet? Was hat Ihnen in dieser Zeit Kraft gegeben?
 
Christiane Engelhardt: Zu Beginn waren es vor allem meine anderen Kinder, die mir halfen, weiterzumachen. Wir lebten in einer Patchworkfamilie, und diese Kinder gaben mir Halt und eine Aufgabe. Ich konnte nicht einfach aufgeben; ich war noch Mutter für sie. Zusätzlich war es der Rückhalt durch Freunde und meine Familie, die mit kleinen Gesten für mich da waren, sei es durch einen Kuchen oder eine Umarmung. Das Gefühl der Gemeinschaft war für mich anfangs eine große Stütze.
 
Regina Seibl: Wie hat sich Ihre Arbeit als Ärztin und Psychotherapeutin durch den Verlust verändert?
 
Christiane Engelhardt: Nach dem Tod meiner Tochter war es sehr schwierig, mit Patient:innen zu arbeiten, die selbst suizidale Gedanken hatten. Doch letztendlich hat dieser Einschnitt in mein Leben meine Herangehensweise völlig verändert. Ich begegnete meinen Patient:innen auf Augenhöhe, und es entstand ein tiefes Verständnis. Diese Arbeit war eine enorme Herausforderung, aber auch eine Form von Heilung für mich.
 
Regina Seibl: Haben Sie auch therapeutische Unterstützung gesucht?
 
Christiane Engelhardt: Ja, ich habe eine spezielle Traumatherapie gemacht, die mir geholfen hat, mich von meiner Tochter zu verabschieden. Eine Therapeutin in den Niederlanden, Joanny Spearing, arbeitete zwei Tage intensiv mit mir. Danach waren die körperlichen Schmerzen, die ich im Nacken hatte, weg, und das gab mir Erleichterung. Auch eine Gruppe mit anderen Betroffenen hat mir geholfen, vor allem die Zusammenarbeit mit Chris Paul, die sich auf Trauerarbeit spezialisiert hat.
 
Regina Seibl: Sie haben viele Wege ausprobiert, um mit der Trauer umzugehen. Welche anderen Methoden haben Ihnen geholfen?
 
Christiane Engelhardt: Eine besondere Erfahrung waren auch Jahre der Körperarbeit und energetischen Übungen, die ich mit einer brasilianischen Gruppe gemacht habe. Da wurde viel getanzt, geschrien und körperlich gearbeitet – das half mir, den Schmerz und die Blockaden freizulassen. Auch das künstlerische Arbeiten, wie das Schreiben, das Malen und das Bildhauern, hat mich in den letzten Jahren wieder zu mir selbst gebracht.
 
Regina Seibl: Was würden Sie anderen Menschen raten, die jemanden durch Suizid verloren haben?
 
Christiane Engelhardt: Vor allem: Nehmt Hilfe an und sucht euch Unterstützung! Niemand muss diesen Weg alleine gehen. Wichtig ist auch, offen zu reden, um sich von der Stigmatisierung zu befreien, die oft noch damit einhergeht. Trauer ist kein linearer Prozess; sie hat ihre eigenen Zeiten und Phasen. Jeder sollte seinen eigenen Weg finden und dabei stets die Hoffnung bewahren, dass das Leben auch nach einem solchen Verlust weitergeht und eine neue Ausrichtung finden kann.
 
Regina Seibl: Wenn Sie heute an Hanna denken – was fühlen Sie?
 
Christiane Engelhardt: Inzwischen denke ich an sie mit einem Lächeln. Sie ist für mich immer noch 13 Jahre alt, und ich stelle mir oft vor, wie sie hier wäre. Manchmal fühle ich sogar noch ihre Hände an meiner Taille – eine letzte, innige Abschiedsgeste, die sie mir gab, bevor sie sich das Leben nahm. Diese Erinnerung hilft mir, und ich spüre, dass sie in einer anderen Sphäre weiter existiert. Wir sind verbunden, und ich kann ihre Energie fühlen, wann immer ich sie brauche.
 
Regina Seibl: Es klingt, als hätten Sie eine friedvolle Form der Verbundenheit gefunden. Was möchten Sie Menschen mitgeben, die mit ähnlichem Verlust leben?
 
Christiane Engelhardt: Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir diesen Verlust akzeptieren lernen und daraus eine neue Aufgabe schöpfen. Der Weg dahin ist lang und schmerzhaft, aber die Liebe bleibt – sie kann uns in schwierigen Zeiten tragen. Suizid ist eine Tragödie, aber ich hoffe, dass Menschen in ähnlicher Situation erkennen, dass dies nicht das Ende sein muss, sondern auch ein neuer Anfang für sie sein kann.
 
Regina Seibl: “Die Liebe bleibt.” Das ist ein schönes Schlusswort, Frau Engelhardt. Vielen Dank für dieses offene und ehrliche Gespräch. Ihre Worte und Ihre Erfahrungen sind eine große Inspiration und bieten Trost für viele Menschen, die Ähnliches durchlebt haben!

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